McChrystal’s AFG-Plan: bluten
Es wird sich wohl ernsthaft niemand daran vorbeimogeln wollen, die 30 (66) Seiten des “Initial Assessment” zu lesen, die U.S.-General Stanley A. McChrystal seinem Verteidigungsminister Robert M. Gates geschrieben hat. Seit langem warten die Analysten, welchen Rat der Kommandierende der U.S.-Truppen in AFG und der ISAF dem U.S.-Präsidenten indirekt erteilt.
Die “Washington Post” hat eine Version dieses Berichtes veröffentlicht, die augenscheinlich nicht die Endfassung ist (darf bitte nicht ein strategisches Propaganda-Komplott sein):
http://media.washingtonpost.com/wp-srv/politics/documents/Assessment_Redacted_092109.p df?hpid=topnews
Vor allzu grossen Erwartungen sollte man sich u.E. hüten. McChrystal ist überwiegend unscharf und allgemein, fast lyrisch (alle Seitenangaben lt. pdf):
- Die “Commanders Summary” umfasst 9 von 30 Seiten! Man liest also vieles 2fach (gähn);
- Zu viele Zielbeschreibungen klingen wie Weihnachtswunschzettel (wir müssen die “Initiative zurückgewinnen”);
- Man wird in Wechselbäder getaucht: Einerseits hat man den Eindruck, dass Resourcen-Mangel beklagt wird (“historically under-resourced and remains so today”, S. 7). Dann liest man (S. 9): “New resources are not the crux”. (ja watt denn nuu?);
- Das Konzept der “Population centric COIN” wird nirgendwo selbstkritisch hinterfragt. Man müsste den Text der “Tactical Directive” haben, die McChrystal erlassen hat. Aus der Entscheidungsklemme eines taktischen Führers, der “troops in contact” und “imminent threat” hat, konnte das alte “hearts and minds”-Placebo (sorry) noch nie helfen;
- Ähnlich ist die Forderung (S. 20) zu bewerten, dass ISAF ja nicht zu armiert (Selbstschutz) auftritt (mit Nelke statt Gewehr). Der erste Auftritt kann gar nicht anders als armiert sein. Je länger man mit der Zivilbevölkerung wirklich Tür an Tür wohnt und lebt (die zentrale COIN-Herausforderung), desto eher kann man seine Armierung ablegen – richtig;
- Einem wegnickenden Leser könnte entgehen, dass es ab S. 27 zur Sache geht:- In der ersten Phase seiner Strategie wachsen ISAF und ANSF über die nächsten 12 – 24 Monate. (man könnte einen Widerspruch zu S. 6 empfinden, wo es heisst, dass in den nächsten 12 Monaten die Entscheidung fällt);
- In der zweiten und dritten Phase (Transition) wird alles gut;
- Auf S. 28 wird man die Empfehlung mitbekommen müssen, dass ISAF sich auf die “kritischen bevölkerungsdichten Gebiete” konzentrieren soll (AFG-Bevölkerung: 70 % ländlich!);
- Die meiste Marker-Tinte haben wir im ersten Absatz von S. 29 investiert, wo es konkret um “properly-resourced” geht (ausschneiden und auf Karteikarte kleben):- Ganz geschickt spleist McChrystal das massgebende Stichwort ein: “force density doctrine”:
“In short, a ‘properly-resourced’ strategy places enough things, in enough places, for enough time. All three are mandatory.” (Man erinnert sich der empirisch gesichterten Erkenntnis, dass für Stabilisierungsoperationen ein Besatz von 20 Sicherheitspersonen auf 1.000 Zivilisten erforderlich ist – das ist “force density doctrine”; soll so auch in dem U.S.-COIN-Field-Manual stehen).
Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass McChrystal ein (geheimes) Papier mitgeliefert hat, in dem
- - die rund 400 Distrikte der 34 Provinzen AFG gelistet sind,
- - der ISAF/ANSF-Sicherheitsbesatz pro Distrikt erkennbar ist und
- - die “properly-resourced” Forderungen deutlich werden, unterteilt in städtische Bevölkerungszentren und ländliche (weite) Fläche (doppelt so gross wie D).
Man kann es sich auch ganz einfach machen: Ein “Weiter so” reicht nicht.
{Sun Tsu sagt: “Für Erfolg (im Krieg) wirst Du ordentlich zu bluten haben”}