18. Kontingentbericht: real
Als der SPIEGEL am 31. August d.J. über die schweren Mängel bei der deutschen AFG-Truppe berichtete, die im 17. Kontingentbericht des damaligen Kommandeurs aufgeführt sind, meinte BMVg-Sprecher Raabe, dass das “nicht der Realität” entspräche (siehe hier und hier).
Man darf davon ausgehen, dass Herr Raabe aufgrund der Medienberichte über die Mängellisten des 18. und 19. DEU/AFG-Kontingents wieder die Realitätsdomina nz spielt. Denn der 18. Erfahrungsbericht über die Mängel des deutschen Einsatzkontingentes im Zeitraum 15. 11. 08 bis 15. 3. 09, den der Kommandeur, Brigadegeneral Jörg Vollmer, am 9. April 2009 vorgelegt hat, krächzt ganz anders.
Der 18. Kontingentbericht listet auf 62 Seiten insgesamt 210 (!) Mängel auf, die die Druchführung des Bw-Auftrages gefährden oder massiv erschweren. Von den 210 Kritikpunkten der 18. Mängelliste haben wir diese ausgewählt:
- Das wichtige Führungs- und Informationssystem (FüInfoSys) FAUST ist unzureichend vorhanden. Die Forderung nach zusätzlichen Systemen wurde schon im 17. Kontingentbericht gestellt.
- “Seit Jahren wird ein Tool im Bereich Frequenzmanagement in Aussicht gestellt”.
- “Im Einsatz stehen, teilweise Fahrzeuggebunden, verschiedenste Führungsmittel zur Verfügung, die nicht alle mit- und untereinander kompatibel sind … Erhöhung des Ausstattungssoll, so dass zumindest alle Führungsfahzeuge mit FAUST und MiniM ausgestattet werden.”
- Zur Lage-Erstellung notwendige Software, die die Anbindung an entsprechende NATO-Tools ermöglicht, fehlt (z.B. “i2 Analyst’s Workstation oder “rsCASE”.” Gleiches gilt für GEO Software.
- Das “Intelligence”-System JASMIN in Kunduz ist veraltet und benötigt für den Versand von Bildern (IMINT) “immer noch mehrere Stunden”. Ausserdem fehlen drei JASMIN-Stationen.
- Für die wichtige “pioniertechnische Erkundung von Verkehrsinfrastruktur” fehlt die entsprechende Ausstattung; die Realisierung des entsprechenden Beschaffungsantrages wird angemahnt.
- Die Aufklärungsdrohne LUNA “arbeitet mit systembedingten Einschränkungen”. Gefordert wird die Beschaffung des verbesserten LUNA-Typs ATP-01.
- Die Nutzung des Aufklärungssystem PHÖNIX ist vom Einsatzführungskommando untersagt worden; die schnellstmögliche Ersatzbeschaffung wird gefordert.
- Weil bei Einsätzen der Bw in der Fläche das gegebene Strassen- und Wegenetz die Soldaten für den Gegner berechenbar macht, werden Heeresfliegerkräfte gefordert, insbesondere für Kunduz.
- Die Aufklärungskompanie in Kunduz kann nur aus dem ortsfesten Gefechtsstand geführt werden (!!); es wird ein Gefechtsstandsfahrzeug gefordert.
- Pionierkräfte haben für Sprengaufgaben nur unpassendes militärisches Gerät. Gefordert wird der Einkauf und die Freigabe moderner ziviler Sprengmittel.
- Auch im 17. Kontingentbericht ist notwendiges Zubehör (bisheriges Gerät: “Die gezielte Schussabgabe ist so nicht/nur eingeschränkt möglich”!) für das Gewehr (G 36) angemahnt worden.
- Im Zusammenhang mit der Bombardierung der Tanklastzüge am 4.9. 09 ist interessant:
- In Kunduz wartet der “Tactical Air Controller” (TACP) “seit 27 Monaten” auf einen Zielmarkierer (Infra-red Zoom Laser Illuminator Designator, IZLID);
- Der TACP Kunduz arbeitet noch mit dem ROVER 3-System (Laptop-Verbindung zur U.S.-Luftnahunterstützung); das deutlich verbesserte ROVER 4 wird gefordert;
- Weil nur ein ROVER 3 in KDZ vorhanden ist: “Aufträge verlangen zweitweise eine Teilung der TACP”; gefordert wird ein zweites ROVER 4;
- Der TACP ist nicht mit “Fliegersichtzeichen” (TIPS) ausgerüstet. Luftnahunterstützung bei Nacht ist “stark eingeschränkt”, “da eigene Truppe vom Piloten (LfzFhr) nicht erkennbar ist. TIPS sind durch ISAF “als Mindestausstattung TACP gefordert”.
- Die LUNA-Truppe “steht insgesamohnet nur für max. 12 Std zur Verfügung”.
- Ein verwundeter Soldat ist schnellstmöglich (“grundsätzlich innerhalb von 2 Std) einer notfallchirurgischen Behandlung zuzuführen. Für Feyzabad und den östlichen Bereich von Kunduz kann das nicht gewährleistet werden; gefordert wird die “Vorstationierung von luftgebundenen Rettungsmitteln im PRT KDZ” (CH-53 MedEvac).
- Die QRF verfügt zwar über 5 Waffensysteme MILAN, der einzige Waffen-Feldwebel der QRF darf die vorgeschriebene Überprüfung des Systems nicht durchführen und ausserdem hat er die notwendige Prüfausstattung nicht.
- “Klarstand der geschützten Kfz (in MES) zeitweise unter 50 %; insbesondere ATF DINGO und 0,9to WOLF MSS stehen z.T. mehrere Wochen wegen fehlender Ersatzteilversorgung.”
- Die “zeitgerechte Zuführung von Munition (ist) zwingend erforderlich. Derzeit ist dies nicht durchgehend gegeben. Munitionslieferungen aus der LogBasis Inland haben momentan eine Laufzeit von 10 – 12 Wochen … Auch können einige Munitionssorten und Arten nicht in der geforderten Menge bereitgestellt werden.”
- Seit Juli 2008 wird gemeldet, dass die Socken (“Fashion by CD”) zu eng gefertigt werden, nach der 2. Wäsche nicht mehr passen. Die Feldblusen der Grösse 10 haben nach “Aufbereitung” durch die LHBw nur noch Grösse 3. Bei 200 Paaren Kampfschuhen (heiß/trocken, Modell HAIX) brachen trotz milder Temperaturen die Sohlen.
- In Kunduz stehen derzeit 4 Konvoistörer (Jammer gegen IED) zur Verfügung; zwei weitere werden gefordert. “Die Ausstattung mit Jammern ist nicht für alle Fahrzeuge vorgesehen. Ein Teil der Fahrzeugbewegungen findet ohne die Nutzung von EloGM (Elektronische Gegenmassnahmen) statt.”
- LUNA kann nur ausserhalb des Lagers Kunduz landen; für die Landung im Lager fehlt ein Netzlandesystem.
- Der ABC-Abwehrzug des RC North (Hygiene, Wasseraufbereitung etc.) war nur “eingeschränkt” einsatzbereit.
- Gegen die hohe IED-Bedrohung wird “Route Clearance Fähigkeit” gefordert, die “derzeit nicht vorhanden” ist.
- In Feyzabad fehlt ein zweiter Satz für die insbesondere nachts dringend notwendige RBA (Rundbeobachtungsanlage).
Mindestens ebenso lange Listen müsste man schreiben, um die quantitativen und qualitativen Mängel im Bereich der Personalgestellung aufzuführen. Dazu kommen die heftigen Ausbildungsmängel. Die Mängelziffer 208 auf Seite 61 führt einen Tatbestand auf, bei dem es einem die Sprache verschlägt:
- “Die Ausbildung an den Handwaffen (!!!) ist teilweise lückenhaft. Jeder Soldat muss zum Schutz der eigenen Kräfte und zur Auftragserfüllung seine Handwaffe beherrschen. Diese Ausbildungshöhe wird durch die vorbereitende Ausbildung nicht sicher erreicht.”
Herr Raabe wird bestimmt sagen, dass das alles nicht der Realität entspricht.
{real ist: Einmal drin – alles hin}
(P.S. Am Wochenende werden wir trauern und uns heftig für das ASS freuen: Alexander Szandar, Spiegel hat seinen letzten Arbeitstag, geht in den wohlverdienten Vorruhestand.
Wir pfeifen laut und lange Seite; die ausführliche Laudatio schreiben wir zum 12. Oktober, seiner “Abschiedsparty”. )