Verteidigung/Sicherheitspolitik

Tag: Mängelliste

19. Kontingentbericht: tut (und Nachtrag 22.9.09)

Den 19. “Erfahrungsbericht Einsatz” des “Deutschen Einsatzkontingents ISAF” über den Zeitraum 15.3. bis 14. 7. 2009 verantwortet wiederum Brigadegeneral Jörg Vollmer. Er umfasst 17 Seiten plus die spezifizierte Darlegung der “Einzelerkenntnisse und Feststellungen” (hier Mängelliste benannt).

Im Vergleich zu den auf 63 S. gelisteten rund 210 Kritikpunkten des 18. Kontingentberichtes werden nun auf 45 S. 155 Mängel beklagt. Allerdings ergibt sich ein deutlicher qualitativer Unterschied zum 18. Erfahrungsbericht: Seit März 2009 ist eine
“signifikante Zunahme der sicherheitsrelevanten Zwischenfälle (SRZ) im Distrikt GHOWRMACH sowie in der Provinz KUNDUZ (KDZ)” zu verzeichnen.

Dies spiegelt sich in der Bewertung der Kritikpunkte der Mängelliste, die (in der Spalte “A”) “Zensuren” vergibt:

  • “1 = Auftragserfüllung gefährdet”
  • “2 = Auftragserfüllung eingeschränkt”

Von den 155 Mängelpunkten sind

  • 63 mit der Zensur “2” belegt plus
  • 20 mit der Zensur “1”!

Verdeutlicht man sich, dass die Auftragserfüllung das oberste Heiligtum soldatischen Pflichtempfindens ist, müssen solche Zahlenverhältnisse aufhorchen lassen.

Die 155-Mängelliste (19.) liest sich wesentlich wie die des 18. Kontingentberichtes. Mit der “goldenen Himbeere/Zitrone” würden wir FAUST-Verantwortliche auszeichnen (FAUST ist das eingeführte Führungssystem des Deutschen Heeres!; und Führungsfähigkeit ist die entscheidende Voraussetzung für den Kampf):

  • Der 19. Kontingentbericht sagt (Mängelliste, S. 4, Ziff. 17):
    “Das Fehlen von FAUST-Systemen ohne Bereitstellung von Alternativlösungen führt insbesondere bei Force-Protection-Aufträgen im Raum zu nicht hinnehmbaren Defiziten in der Führungsfähigkeit.

    Warum die “goldene Zitrone/Himbeere”? In der Ziff. 17 wird abschliessend kursiv und hilflos bemerkt:
    “Bereits im 15. Ktgt benannt”
    (d.h.: seit 20 Monaten hat sich hier NIEMAND irgendwie bewegt)?

Ein Dauerbrenner ist die erforderliche Bereitstellung von “geschützen Fahrzeugen”:

  • Ziff. 34 (S. 9) der Mängelliste verzeichnet:
    “Die Kampfmittelabwehrkräfte des PRT KDZ besitzen nicht die erforderliche Anzahl von geschützten Fahrzeugen … Bereits seit dem 16. EinsKtgt wurde dieser Sachstand gemeldet.”

Beurteilend ist hier anzufügen: Verteidigungsminister Jung hat vor Jahren die Parole ausgegeben, dass sich die Soldaten nur noch in geschützen Fahrzeugen zu bewegen hätten. Es hat auch eine gemächliche Beschleunigung der Beauftragung an die schutzbauende Rüstungsindustrie stattgefunden. Aber war sie, gemessen am konkreten Bedarf, ausreichend, nachdrücklich und nachhaltig?

Zweiter Hauptklagepunkt des “Kdr DEU EinsKtgt ISAF” ist das Feld “Nachrichtengewinnung”, hier HUMINT (Human Intelligence). Gerade in einem entscheidenen Feld wird die Dienstpostenbesetzung behandelt, als ginge es um “Fahne, Rotz und Geistlichkeit” (sorry).

Gleiches gilt für das 3. Hauptthema “Sprengfallen” (IED). In der für die Mehrzahl von Toten/Verletzten zu beklagenden Kategorie wird derart schludrig verfahren, dass man es nicht glauben mag.

Wieviel “Sprengstoff” in der Aussage steckt, die General Vollmer unter der Kapitel-Überschrift “Bewertung der Auftragserfüllung” schreibt, heben wir uns auf:
“Eine sofortige und raumgreifende Lageverbesserung in der gesamten Provinz KUNDUZ ist mit dem derzeitigen DEU Kräftedispositiv nicht zu erreichen”.

U.E. stellen sich zwei systemische Fragen:

  • Wieviele der seit langem erkannten materiellen Forderungen werden unter den Tisch gekehrt, weil aus (übergeordneten egomanen Gesichtspunkten) die entsprechende priorisierte Mittelzuweisung nicht stattfindet (Geld ist da, nur dafür nicht!);

    Wer schläft tief angesichts bestimmter Ausbildungserfordernisse und notwendiger Dienstposten-Zuweisungen?

  • Strategisch ist die Frage nach der Verantwortung. Ein um das Wohl seiner “Anvertrauten” getriebener Minister müsste eigentlich eine, aufgrund des 155-Mängelkataloges erstellte, Liste anfordern, die die Telefon-Nummern (besser schriftlich: e-mail-Adressen) der jeweils Verantwortlichen enthällt. Eine Message, dass bei nicht umgehenden Tätigwerdens die Strafversetzung auf den Dienstposten des Verwalters einer Truppenbücherei auf einem Scheinflughafen droht, ist angehängt.
  • Genauso prickelnd ist die Frage nach der militärischen Verantwortlichkeit:
    Generalinspekteur – Einsatzführungsrat – Inspekteure (insbesondere Heer)???

{Führung ist, wenn sich etwas tut}
(P.S. Seit Anfang 2007 steht der Schützenpanzer MARDER in der Sonne. Gerade jetzt erkennt man, dass 800 C eigentlich eine Klima-Anlage erfordern?)

NACHTRAG 22.9.09:
Jan Meyer hat in der BILD dafür gesorgt, dass die ausweislich des 19. Kontingentberichtes beschriebenen eklatanten Mängel publikumswirksam dem “wohlwollenden Desinteresse” des Deutschen nähergebracht worden sind:
http://www.bild.de/BILD/politik/2009/09/21/afghanistan-krieg/bundeswehr-einsatz-leidet-unter -schlechtem-material.html

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